Johann Joachim Becher

Prototyp des Multigelehrten

Bücher

Lehr- und Arbeitsfelder J.J. Bechers:

Wirtschaftslehre
Bildungssystem
Staatslehre
Medizin

Kurze Hinweise zu wichtigen Lehr- und Arbeitsfeldern Johann Joachim Bechers (1635-1682)


(1) Politische Wirtschaftslehre – ein pragmatischer Merkantilismus

„Alles...,was da dienet zur Beförderung einer volkreichen, nahrhaften Gemein, das ist anzunehmen, und was hinderlich ist, abzuschaffen. Das ist gründliche Politik.“ (J.J. Becher)

Im Mittelpunkt stand die Hebung der (Binnen-) Wirtschaftskraft, u.a. durch Manufakturen, neue Technologien, verbesserte Ausbildung und Zuwanderung.

Stichwortartig:

  • Dynamisches Gleichgewichte der Stände (Handwerker, Bauern, Kaufleute, Dienstleister)
  • Ordnungspolitik (keine Monopole, Keine Abreden. Vermeidung von Marktstörungen; Rechtsrahmen); redliches Handwerk
  • Ausgewogenes Verhältnis von Produktion und Konsumtion
  • Produktion in Deutschland (à Werkhaus, Arbeitsplätze, Ausbildung)
  • Zuwanderung fördern, Integration
  • Landesbank (gegen Wucher, dynam. Geldpolitik: „Umlauf“)
  • Außen(Handels-) Bilanz positiv gestalten
  • Gewährleistungsstaat („Diener des Gemeinwesens“)

Hauptwerk J.J. Bechers: Politischer Diskurs, Frankfurt 1668, 3.Aufl. 1688
Vgl. außerdem J. Klaus/J. Starbatty: Vademecum zu einem universellen merkantilistischen Klassiker (J.J. Becher), Düsseldorf 1990.

(2) Bildung als Basis des Fortschritts

„Dass es böse Menschen in einem Land gibt, ist nur die Ursach, daß sie böse erzogen sind.“ ...
(Man muss...) „sich üben, eine feste Hand in Arbeiten, ein gut Augenmaß zu haben...um durch allerhand Instrumente die Körper zusammensetzen (zu können), ehe man dann in der Philosophischen Schule (darf) seine...Vernunft und Experientz brauchen.“
(J.J. Becher, 1668)

Die politische Wirtschaftslehre des Merkantilismus und die beginnende Technologisierung erforderten breite Bildungsanstrengungen mit einer Verknüpfung von praktisch-handwerklichen Fertigkeiten und hinreichenden theoretischen Kenntnissen. J.J. Becher wirbt für ein modular aufgebautes Bildungssystem und ansatzweise für eine duale Ausbildung, insbes. in der „mechanischen Schule“ (vgl. Abb.)

(3) Staat und Politik

„Ein Gemein(wesen) ist nicht um der Obrigkeit, sondern die Obrigkeit um des Gemeinwesens willen da.... Aufgabe der Obrigkeit ist es, ihre Untergebenen glückselig zu machen, sie in dem Stand der Menschheit und in den natürlichen, von Gott geschaffenen Gesetzen zu halten....“ (J.J. Becher, 1668)

Eine professionell und tugendhaft ordnende und steuernde Obrigkeit ist in der Lage, den Wiederaufbau und die Festigung der Gesellschaft zu bewerkstelligen, womit die „Glückseligkeit“ aller erreicht werden kann. Das setzt ein ganzes Bündel staatlicher Stimuli und Hilfen voraus: wohlfahrtsstaatliches Recht, Vorrang öffentlichen Interesses, effiziente Finanz- und Haushaltspolitik, Gründung neuer Gemeinden und neuer Manufakturen, mittelstandsorientierte Technologieförderung, exportorientierte Handelspolitik (einschl. der Gründung von Kolonien), Zuwanderungs- und Integrationspolitik, Arbeitsbeschaffung und – immer wieder – systematische Ausbildung (vgl. auch Politische Wirtschaftslehre). Modern ausgedrückt heißt dies: Ordnungspolitik plus Entwicklungspolitik.
J.J. Becher ist von naturrechtlichen gesellschaftsvertraglichen Ideen seiner Zeit (Hobbes; auch Locke) beeinflusst: (So) „hat Gott nach dem (Sünden-) Fall die Obrigkeit gesetzt und Gesetze gegeben, die Menschen in den natürlichen Gesetzen zu erhalten“ u.a.m. Aber er entwickelt keine eigenständige Staatslehre, sondern betrachtet die Funktion des Staates v.a. aus seiner politischen Ökonomie (des Merkantilismus). In einer Art „Fürstenspiegel“ gibt er allerdings immer wieder Verhaltensregeln für die „gute Obrigkeit“. Beispiel:

„Ein Regent soll tugendhaft sein, denn er ist der Spiegel und Wart des gemeinen Volkes.“

"Nächst der Ordnung muß auch ein Regent gescheit sein, und die Regierkunst wohl und selber verstehen, damit er nicht allemal den Doctoren (Experten) glauben muß.“

„Ein Regent muß wissen, daß er nicht alles weiß, aber er muß so viel wissen, daß er (das) weiß.“

„Es ist besser, wenige gute und wohlbesoldete Diener zu haben als viel Müßiggänger...ein großer Hofstaat ist schädlich...“

Die Staatsorganisation (nebst der Verwaltung) wird nach den wichtigsten Aufgaben geordnet und den (Landes-) Behörden entsprechende „Zuständigkeiten“ übertragen:

  • Collegium Spirituale (Religion, Werte)
  • Collegium Doctrinale (Bildung, Wissenschaft)
  • Collegium Morale (Ordnung, Gesetz, Justiz)
  • Collegium Civile (Wirtschaft, Finanzen)
  • Collegium Vitale (Wohlfahrt, Gesundheit)

(4) J.J. Becher – der Mediziner

J.J.Becher war nach 1652 Medizinprofessor in Mainz und Leibarzt des Kurfürsten. Auch auf diesem Gebiet herrschte „Übergangsstimmung“ von der tradierten Heilkunde zur modernen Medizin. Da gab es noch Therapien und Medikamente der folgenden Art:

„Wann du was ziemlich stark hast in der Nacht gezecht, trink nüchtern drauf, es bringt dich wiederum zurecht.“ (J.J. Becher, Parnassus medicinalis ... 1663)

„Wenn man einen Schuß Pulver unter ein Maß Wasser rühret, und durchseuget, das löscht den Durst, und ist gesund wegen des Salpeters und Schwefees...das übrige ist nichts als Kohlen, und destoweniger zu scheuen.“ (J.J. Becher, Landmedicus , vor 1682)

„Gepülvert Menschenbein, gebräut in rotem Wein, Bauchfluß und Durchlauf stellet ein."

„Salbey in Wein gesotten und getruncken, ist gut gegen bösen Hals, und machet guten Atem.“ (J.J. Becher, Landmedicus)

Aber gleichzeitig entwickelten sich die Anfänge einer wissenschaftlichen Medizin; auch wenn man die Effekte noch nicht befriedigend erklären konnte, oder die moderne Begrifflichkeit fehlte. Man „ahnte“ oft mehr, als dass man „wusste“.
So sollte das Immunsystem mittels periodischer Reinigung des Geblüts mit einem wein-basierten Kräuter-Trunk (Wermutsamen, Rautenblätter, Blutwurz und Pfeffer) gestärkt werden. Richtiges Essen und Stress-Vermeidung gehörten ebenfalls zur „Grundversorgung“:

„So ihr gesund wollt sein, so stellt die Sorgen ein, veracht den Zorn und trinkt nicht übermäßig Wein. Man soll auch nur zu Nacht ein wenig Speisen essen, des Schlafens Nachmittag, das soll man gar vergessen. Hingegen soll man nach dem Essen etwas stehen, Harn, Wind und Stuhl muss man nicht übergehn.“ (J.J. Becher: Parnassus medicinalis 1663)

Eine ziemlich moderne Behandlungsabfolge wird empfohlen beim Dammriß (bei schwieriger Geburt):

  • Erstens: Operation
    „Wann der Riß..noch frisch, so nehme der Chirurgus eine wohl gekrümmte Nadel mit einem starken gekrümmten Seiden-Faden versehen, fasse damit die Haut...
  • Zweitens: Versorgung
    „Wenn nun der Schade also fleißig wieder zusammengeheftet worden ist, so bestreiche man den gewesenen Riß mit (einer Salbe aus...)..“
  • Drittens: Verhalten („Rehabilitation“)
    „Die Frau aber soll darauf 12 oder 14 Tage sich im Bette aufhalten.... sich vor...gewaltsamen Bewegungen hüten, keine..groben Speisen genießen...“

(J.J. Becher: Parnassus medicinalis...sowie : Wohlerfahrner Landmedicus)