Johann Joachim Becher

Johann Joachim Becher

Speyer 1635 - 1682 London

Johann Joachim Becher (1635-1682):
Profil eines Vielfachgelehrten und Projektemachers

"Ich bin jemand, den weder ein reiches Haus, noch Sicherheit im Beruf, noch Ruhm und Gesundheit reizen. Für mich haben meine Arbeiten eine größere Anziehung." (J.J. Becher)

Johann Joachim Becher, 1635 in Speyer geboren ...

1635 in Speyer geboren und hier aufgewachsen, 1682 in London gestorben, war eine faszinierende, nicht unumstrittene Persönlichkeit: unterwegs in Europa, Prototyp des Vielfachgelehrten (Polyhistors) in der typischen Übergangsgesellschaft des 17. Jahrhunderts. Überaus ideenreich und visionär eilte er seiner Epoche in vielem voraus. Er hat viel "probirt, laborirt und speculirt" - wie er selbst sagt. So kamen neue Ideen in die Welt, Projekte wurden entwickelt, Realisierungen versucht.

Ein Gemälde (1669) von
J.D. Welcker; ganz links:
J.J. Becher (34) mit dem Grafen von Hanau (Kunsthallte Karlsruhe)

Nicht alles war also - wegen noch fehlenden Wissens - schon umsetzbar, mit manchem Plan scheiterte er aber auch an den ungünstigen Rahmenbedingungen zwischen überzogenen Ansprüchen, Missgunst und Geldmangel. Aber J.J. Becher gab nie auf: er versuchte es dann eben auf anderem Gebiet und an anderem Ort. Sein Lebenslauf und seine vielen europäischen Reisen verdeutlichen diese produktive Unruhe.

Johann Joachim Becher gilt als ein Prototyp jener erfindungsreichen, auf vielen Gebieten agierenden, eigentlich auch scheiternden Impulsgeber und umtriebiger "Projektmacher". Er schrieb viele Bücher, verfasste Denkschriften und Projektvorschläge, versuchte sich - nicht immer erfolgreich - selbst bei deren Verwirklichung.

Johann Joachim Becher betätigte sich also in vielen Bereichen. Nach multidisziplinären Studien wurde er zunächst Medizin-Professor in Mainz, aber schon in der Münchener Zeit wandte er sich der politischen Ökonomie zu, wurde (spätestens mit seinem Hauptwerk "Politischer Diskurs) zum Begründer des pragmatischen deutschen Merkantilismus. Dessen Hauptabsicht ist es, zufriedene und motivierte Menschen in einem volkreichen Land mit Arbeit und Chancen zu versorgen, Wissenschaft und Ausbildung zu fördern, technische Erfindungen durch Arbeitsteilung und geordneten Wettbewerb in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Ein funktionaler Staat soll Rahmenbedingungen gewährleisten, aber als Anreger und Förderer durchaus auch selbst tätig werden, d.h. innere Entwicklungspolitik zu betreiben. Näheres: Exkurs zur Staatslehre Bechers.

Das merkantilistische Programm wurde besonders "praktisch" umgesetzt im berühmten Wiener Werkhaus das Kaiser Leopold förderte. Die Verbindung von mehreren Produktionen (Synergie-Effekten), weiterentwickelte Techniken, von Beschäftigungsprogrammen für Langzeitarbeitslose und passgenauen Ausbildungsprogrammen, die Becher herstellte, ist noch heute faszinierend.

Bildung und Ausbildung junger Menschen (Exkurs zum Bildungssystem Bechers) , Förderung der technischen Entwicklung und aktive Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik (im Ordnungsrahmen) waren also die herausragenden Elemente des Becher'schen Konzepts. Auch die kolonialpolitischen Modellversuche (Guyana / Hananisch West-Indiens) wie die Vorschläge zur integrierenden Zuwanderungspolitik waren seiner Zeit voraus.

Arzneien und Heilmethoden hat der gelernte Mediziner vorgeschlagen und erprobt (Exkurs zum Medizinsystem Bechers). Auch philosophische und staatstheoretische Überlegungen hat Becher zu bieten. Basis-Erkenntnisse sind auf die Grundmauer des J.J. Becher-Hauses aufgetragen, wie der ganz modern anmutende Satz. "Freiheit ist jedem Menschen angeboren ... und jeder ist so gut als der andere" (J.J. Becher)